Das Licht in der Dunkelheit

Wir machen die Augen auf und dann sind da viele Farben, Formen und Perspektiven. Wir werden geblendet
vom Licht und manchmal genießen wir es, einen Schatten zuzulassen. Aber was ist mit denen, die eine pure
Dunkelheit vorfinden, sobald sie ihre Augen öffnen? Das Glück des Augenlichts ist nicht selbstverständlich.
Besonders bewusst wird uns das, wenn uns blinde Menschen von ihrer Dunkelheit im Leben erzählen.

Studentin Amina Semsovic hat den 23 Jährigen Rapper Vokuz aus Frankfurt in einem Tonstudio besucht:

„Ich nehm‘ jede Welle mit, weil ich weiß, jede Strömung ist ein Wegweiser, egal ob auf oder flussabwärts es geht
weiter“, „Ich lass meine Augen nicht mehr zu wenn ich träum, ich bleib wach bist die Uhr nicht mehr läuft, sollt ich
wieder einmal scheitern, dann versuch‘s ich von neu.“
Mit Kopfhörern auf den Ohren steht er ganz dicht am Mikrofon in einem Frankfurter Tonstudio und verarbeitet seinen
Schicksalsschlag. In seinem neuen Song „Welle“ beschreibt „Vokuz“ alias Daniel Räuber seine Lebenseinstellung.
Man muss jede Welle mitnehmen, egal ob positiv oder negativ und das Beste daraus machen. Eins fällt sofort auf:
Seine Augen erkennt man nicht. Eine schwarze eckige Brille verdeckt sie. Die linke Hand hält sanft den Mikrofonhals,
während die Rechte sich im Flow bewegt. Mit dem Kopf wackelnd, rappt Daniel über Zeilen, die er so nicht immer
über seine Lippen bringen konnte. Besonders in den dunkelsten Momenten seines Lebens, waren seine Texte eher
düster und melancholisch angehaucht. Der 23 Jährige „musste lernen nur zu reden und nicht Blicke zu tauschen“.
Daniel kommt mit einer Sehschwäche auf die Welt und wächst in der 30.000 Einwohner Stadt Bad Hersfeld auf. Er
erlebt eine schöne und erfüllte Kindheit. Er geht den üblichen Schulweg und besuchte die Grundschule. Ihm und
seiner Familie war es immer wichtig, ihn in einer normalen Regelschule einzugliedern. Für die anderen Kinder war er
durch seine Einschränkung immer anders. Rückblickend schenkt er dem jedoch weniger Beachtung: „Vielleicht reicht
der Horizont eines Kindes einfach nicht aus, um zu begreifen, dass man durch ein körperliches Handicap zwar nicht
unbedingt der ,,Norm“ entspricht, es aber nichts am Menschen selber
ändert.“ Nach der Grundschule, macht er
eine Testwoche in einer Blindenschule, fühlt sich dort aber nicht so wohl und richtig aufgehoben. Er beschließt, eine
integrierte Gesamtschule zu besuchen. Dort bekommt er für ein paar Stunden die Woche Hilfsmittel, um an die Tafel
ranzukommen oder die Buchinhalte besser lesen zu
können. Nebenbei findet Daniel auch Platz
für zahlreiche Hobbys. Mehrere Jahre ist er im Fußballverein, hat Tischtennis, zeitweise auch Basketball gespielt,
war viel mit Freunden und seinem fünf Jahre älteren Bruder Dominik draußen. Die Gruppe begeistert sich für Hip
Hop und macht ab und zu selbst Musik. Für Daniel, eine ebenso leidenschaftliche Nebenbeschäftigung. Als
Teenager stellt er private Musikvideos ins Netz. Besondere Vorstellungen was seinen späteren Beruf jedoch angeht,
habe er nicht gehabt. „In der 10. Klasse habe ich eine klassische Ehrenrunde gedreht und bin auf die Realschule, da
in etwa zu dieser Zeit mein Privatleben sehr turbulent war, wofür unter anderem die Erstdiagnose der eventuell
baldigen Erblindung verantwortlich war.“ Kurz darauf tritt diese ein. Daniel muss anfangen mit der Tatsache zu leben,
dass sein Leben jetzt dunkler den je werden würde. Die Krankheit lässt ihn mit 17 Jahren vollständigen erblinden.
Hobbys wie Fußball oder Tischtennis muss er aufgeben. Seine Jugend läuft schwierig ab. Daniel ist durch private
Faktoren emotional sehr zerstreut und die Blindheit verstärkte seine Unsicherheit. Mobbingattacken machen es dem
Jugendlichen nicht leicht, sich selbst zu
finden. Den Besuch
einer Schule speziell für Sehbehinderte lehnt er ab, allgemein mit der Einordnung „behindert/nicht behindert“ tut er
sich schwer. Er möchte wie jeder andere Mensch behandelt
werden.
Ein Blindenberuf kommt für ihn auch nicht in Frage. Was dafür aber umso mehr typischer war, ist ein Blindenhund an
seiner Seite. Der mittlerweile sieben Jahre alte Labrador begleitet Daniel durch das Leben. Egal ob in guten oder
schlechten Zeiten, weicht Lina nicht von seiner Seite. Von Anfang an stimmt die Chemie bei den beiden und darüber
ist er sehr froh: „Sie ist mir eine sehr große Hilfe im Alltag fernab von moralischer emotionaler Unterstützung, die ein
Hund ja sowieso ist. Es ist bei einem Blindenhund eine extremere Bindung und so ermöglicht sie mir viel Mobilität
und Flexibilität im Alltag, was bedeutet Wege zu gehen und sich zu Recht zu finden.“ Die beiden bilden ein
eingespieltes Team. Jedoch ist ihm auch bewusst, dass eine Blindenhund-Führung nie endet, da man immer wieder
vor neuen Herausforderungen steht.
Eine große Herausforderung wartet auf Daniel zu mindestens was sein Fachabitur betrifft. Er versucht an
verschiedenen Stellen seinen Abschluss zu machen, bricht diesen jedoch ab. Wofür unter anderem auch äußere
Einflüsse Schuld sind. Er erinnert sich zurück: „Irgendwann hatte ich ehrlich gesagt keine Lust mehr mich
irgendwelchen Schuldirektoren zu erklären, oder zu rechtfertigen und argumentieren, dass ich ein normaler Mensch
bin und man die Blindheit nicht ändern
kann.“ Neben dem ganzen Chaos in
Daniels Leben, bleibt die Liebe zur Musik weiter bestehen. Sein Bruder ist es, der ihm damals den letzten Ruck gab,
mehr daraus zu machen: „Irgendwann meinte er, ich hätte Taktgefühl und Talent. Zuerst habe ich mich dagegen
gewährt, später allerdings je ernster mein Leben wurde, ist die Musik immer mehr, bis letztendlich zu einem
vollständigen und extrem wichtigen Teil meines Lebens
geworden“. Was mit einem Hobby beginnt, hat
Daniel letztendlich durch die schwersten Tage seines Lebens geholfen. Die ersten Songs, die er damals privat ins
Netz stellt, klingen noch ziemlich düster, in Krankheit und Trauer verfangen. „Kannst du die Schreie von hier unten
hören, wie ich verzweifelt versuche umzukehren“, heißt es zum Beispiel im Song „Todestrakt“. Je älter er wird, desto
mehr lernt er, sein Schicksal zu akzeptieren. Die Musik gibt ihm von Anfang an Halt und bringt ihm das Licht in seine
Dunkelheit zurück. Sie sei eine Art Selbsttherapie und ein Ventil sich auszudrücken und Sachen zu verarbeiten. Je

ernster das Leben wurde, desto wichtiger wurde der Rap für ihn. Die Musik wird zu seinem Fokus, daher auch der
Künstlername. Auch seine Texte fangen an, sich zu verändern. Sie werden optimistisch und lebensfroh.
Das absolute Highlight erfährt er aber, als Kool Savas auf seine Videos Videos aufmerksam wird und diese daraufhin
tausendfach geklickt werden: „Dass Kool Savas, der König des Deutsch-Rap, einen meiner Songs über die sozialen
Medien teilte, ist für mich ein Ritterschlag gewesen. Und dieses Feedback sagt mir, ich bin auf dem richtigen
Weg“.Der Bad Hersfelder ist motivierter denn je und versucht durch gute Songs andere auf sich aufmerksam zu
machen. Daniel nimmt ein ganzes Album auf, unter anderem mit dem Soul-Popsänger Sebastian Hämer. Der
gemeinsame Song „Kompass“ wird 35.000 Mal geklickt. Auf dem Eisernen Steg in Frankfurt rappt Vokuz davon, wie
er die Schatten der Vergangenheit hinter sich wirft und neu durch das Leben starten will: „Siehst du nix mit den
Augen, wird alles andere klar“.
Fest steht, dass er nicht als blinder Musiker wahrgenommen werden möchte, sondern schlicht als Musiker. Das ist
einer der Gründe, weshalb der Rapper auch Musikvideos dreht. Er möchte sich nicht von anderen Rappern
unterscheiden. Hilfe bei der Auswahl des Sets oder der Outfits, bekommt er von seinen Freunden, die seinen
Geschmack gut genug kennen. Mitleid möchte der Hesse auf keinen Fall, er sieht in seinem Handicap sogar Vorteile.
Texthänger treten bei ihm zum Beispiel nicht erklärt der 23 Jährige: „Das ist ja ein automatischer Prozess, dass wenn
ein Sinn des Körpers ausfällt, dass andere sich dagegen stärker ausprägen und dadurch ist das Gedächtnis bei mir
ganz gut. Ich höre den Beat und stelle mir den Text im Kopf zusammen“. Daniel gehört zwar zu den Newcomern in
Deutschland, möchte sich aber nebenbei ein festes Standbein aufbauen. Wenn er mal gerade keine Texte schreibt
oder vor dem Mikrofon steht, sitzt er am Mischpult. Um Hobby und Job zu verbinden, hat er an der Frankfurter
Akademie „Deutschen Pop“ eine Ausbildung zum Tontechniker (Mastering Engerer) gemacht, die er im September
letzten Jahres erfolgreich beendete. Die Besonderheit, ein ausgezeichnetes Hörvermögen zu besitzen, hilft ihm im
Beruf sehr weiter, eben weil er sich auf sein Gehör verlassen
muss. Zukünftig,
soll die Musik aber nach wie vor ein fester Bestandteil bleiben. Einerseits möchte er die eigene Musik soweit wie
möglich voran bringen, andererseits aber auch im Bereich „Mixing, Mastering und Writing“ für andere weiter machen.
Ausschließlich von der Musik zu leben wäre für ihn auf jeden Fall ein Traum, „aber dafür ist eben die oberste
Prämisse immer weiter Gas zu geben und genau das ist erst einmal mein Ziel. Mal schauen wo die Reise hingeht,
man weiß nie“, erzählt Daniel offenkundig und zeigt sich optimistisch. Für ihn sei es wichtig, Familie und Freunde
glücklich und zufrieden zu sehen und selber immer das Beste von sich zu geben. Was im Endeffekt dabei rausspringt
sei es Erfolg, Geld oder so etwas, wäre eher Sekundär. „Hauptsache es geht stetig voran!“. Die Musik hat Daniel
neuen Lebensmut schöpfen lassen und das möchte er auch zukünftig anderen Menschen mit seiner Musik
vermitteln. „Meine Mutter hat immer gesagt, was dich nicht umbringt macht dich stärker!“ erinnert sich der Musiker.
Egal was im Leben kommt, man darf nie die Hoffnung aufgeben und muss weiter machen. Daniel hat es geschafft,
dieser Einstellung in seinem Leben Platz zu schaffen. Seine Textpassagen werden ihn immer daran erinnern und wie
wir wissen, sind sie in seinem Kopf fest verankert und werden so schnell ganz bestimmt nicht verschwinden