Ein Gedankentext von Amina Semsovic

Jeden von uns kann es treffen, doch niemand weiß, wann und wo er zuschlagen
wird. Zur falschen Zeit, am falschen Ort sein reicht schon und es könnte alles vorbei
sein… Die Rede ist vom Terror. Wir versuchen die Angst nicht an uns ran zu lassen,
doch tief in uns drin ist da was, was wir nicht verstecken können…

Soll ich wirklich einsteigen?
Mir wird gar nicht bewusst, wie vielen Gesichtern ich auf der alltäglichen Fahrt begegne.
Am Bahnhof, im Bus, in der Bahn und in den Zügen.
Wie auch?
Man steigt ein, sucht sich unauffällig einen Platz, starrt aufs Handy, lehnt sich nach hinten, zeigt sein
Ticket wenn der Kontrolleur kommt und wartet, bis die gewünschte Haltestelle durch die Sprechanlagen
ertönt.
Jeden Tag das Gleiche.
Wenn ich aber genauer drüber nachdenke, nehme die Menschen auch gar nicht wirklich wahr. Sie
steigen ein und aus. Jeder geht seinen eigenen Weg und man ist auf sich selber konzentriert.
In der letzten Zeit jedoch, erwisch ich mich dabei, wie ich auf die Eingangstür der Bahn zugehe und
meine Blicke nach links und rechts wandern. Soll ich jetzt wirklich einsteigen? Mir bleiben nur wenige
Sekunden und ich muss mich entscheiden.
Ich schaue hin und her.
Nicht etwa um zu checken, ob meine Begleitung verloren gegangen ist, na gut… das auch, aber in erster
Linie, ob hier eine Gefahr lauern könnte.
Wer steigt ein und wer aus? Wer sieht verdächtig aus und wer nicht?
Plötzlich interessiere ich mich dafür, was die Menschen tragen, was sie dabei haben, mit wem sie
unterwegs sind, wohin sie schauen, wie sie sich benehmen.
Erst Frankreich, dann Belgien. Das Anschlagsziel rückt immer näher.
Angst, Sorge, Wut kommen in mir hoch. Immer wieder. Ich kann es nicht unterdrücken. Auch wenn ich
es mir wünsche.
Geht es nur mir so? Wir sind doch alle davon betroffen!
Letztendlich steige ich ein, weil ich gezwungen bin. Ich suche mir einen Sitzplatz und warte bis ich
endlich wieder aussteigen darf. Noch drei Haltestellen.. Ob die Menschen merken, wie ich sie anstarre?
Zwei… eins… Puuh Glück gehabt, nichts passiert.
Ich bin mir bewusst, dass jeder Zeit und überall etwas geschehen kann. Ich kann nichts ändern oder
beeinflussen. Ich kann vor dem Schicksal nicht weg rennen. Aber irgendwie schlägt es immer dann zu,
wenn man es am wenigsten erwartet.
„Lasst euch nicht einschüchtern. Das ist es, was sie gerade wollen ‘‘.
Jaja ich weiß, man soll weiter lachen, tanzen, leben, als wäre nichts passiert.
Leben. Genau das ist es, was ich will. Ich will bleiben. Schöne Dinge erleben. Spaß haben. Hingehen,
wo ich will. Von mir aus hundert Mal ein- und aussteigen. Ohne mir Gedanken machen zu müssen.
Aber kann ich das momentan überhaupt noch?