Der Sarajevo-Wahnsinn

Foto: Schulte
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Ende August des letzten Jahres erlaubte ich mir einen kleinen Abstecher von der WAM aus nach Sarajevo. Meine geliebte Borussia aus Mönchengladbach spielte zum Europapokal-Auftakt beim FK Sarajevo. Es war selbstverständlich kein x-beliebiges Spiel für Verein und Fans. Das Spiel und ganz besonders die Rückreise nach NRW hielten einige spannende, teils kuriose Geschichten parat.

Europa League. Play-Off. FK Sarajevo gegen Borussia Mönchengladbach. 90 Minuten Fußball. Zwei Stunden Flug. 27 Stunden und 21 Minuten Zugfahrt.

Soweit die Eckdaten dieser zweifellos legendären Tour. Am frühen Donnerstagmorgen ging es für mich und einen Freund in Berlin los. Vom Flughafen Tegel auf direktem Wege nach Sarejevo. So komfortabel kann Europapokal sein. Auf dem Weg vom Terminal ins Hotelzimmer ließen wir uns von einem einheimischen Taxifahrer übers Ohr hauen. Da die zehn Euro Fahrpreis für knapp fünf Kilometer ungefähr dem deutschen Standard entsprachen nahmen wir von einer Diskussion Abstand.

Hotel top, Stadion naja…

Anstatt uns zu ärgern, freuten wir uns anschließend über ein riesiges Hotelzimmer und über nette Nachbarschaft: Die Mannschaft samt Präsidium, Trainerstab und Sponsoren hatte sich im gleichen Hotel einquartiert. Das Kontrastprogramm bot sich dagegen beim Blick aus dem Fenster unseres Zimmers. Die nebenstehenden Gebäude waren derart runtergekommen, dass man sogar noch zahlreiche Einschusslöcher sehen konnte. Und dies waren nicht die einzigen Relikte des Jugoslawien-Krieges in der Stadt. An fast jedem zweiten oder dritten Haus waren Einschusslöcher zu sehen.

Die Zeit bis zum Anpfiff im Stadion „Asim Ferhatovic Hase“ verging rasend schnell. Etwa 1,5 Stunden vor Spielanfang machten wir uns zusammen mit den etwa 1100 weiteren Gladbachern in Richtung Stadion auf. Dort angekommen bot sich uns ein, in der Zeit hochmoderner Multifunktionsarenen, äußerst kurioses Bild: Das Stadion war ähnlich heruntergekommen wie zahlreiche Gebäude der Stadt. Die Eingangstore waren von einer neben der Sportstätte verlaufenen Verkehrsstraße nur durch ein paar Meter Rasen getrennt. Nach dem Passieren der Kontrollen am Eingang (manche Fans wurden überhaupt nicht kontrolliert) standen wir direkt im Block. Es war eine klassische alte Stehplatztribüne auf hartem Stein, die zwecks der UEFA-Verordnungen mit Sitzplätzen ausgestattet worden war.

Trinkpäckchen statt Bier

Das Asim Ferhatovic Hase“ ist in etwa so modern wie westeuropäische Stadien aus den 70ern. Fußballromantik pur. Auch beim Blick auf die Eintrittspreise fühlte man sich in frühere Zeitalter zurück versetzt. 20 bosnische Mark, umgerechnet etwa zwölf Euro kostete der Spaß. Interessant ist, dass die Bosnische Mark leicht in Euro umgerechnet werden kann, da ihr Wechselkurs der der ehemaligen D-Mark entspricht. Aus diesem Grund wird sie auch „konvertible Mark“ genannt.

Der Spielverlauf ist schnell erzählt. Gladbach vor dem gegnerischen Tor effizient, Sarejevo kämpfte aufopferungsvoll. Am Ende konnte mit einem 3:2-Auswärtssieg eine gute Ausgangsposition für das Rückspiel geschaffen werden.

Der wahre Höhepunkt des Abends ereignete sich dagegen in der Halbzeitpause. Dass bei Europapokalspielen keine alkoholischen Getränke ausgeschenkt werden, ist keine Neuheit. Völliges Neuland war jedoch die Alternative zum beliebten Gerstensaft: Es gab kleine 0,2 Liter fassende Trinkpakete… Genau, das sind die Trinkbehältnisse, die man in weniger als vier Sekunden leer getrunken hat… Es gab einfach nichts anderes… Auch das ist Europapokal.

Abstecher nach Zagreb

Während das vom Mönchengladbacher Fanprojekt organisierte Charterflugzeug bereits direkt nach Aufhebung des Nachtflugverbots am nächsten Morgen in Richtung Westen aufbrach, ging das Abenteuer „Europapokal“ für uns erst am nächsten Vormittag so richtig los.

Mit einem sagenhaft schnellen „Schnellzug“, der für die etwa 350 Kilometer zwischen Sarajevo und Zagreb zehn Stunden brauchte, ging es quer durch Bosnien-Herzegovina und einen Teil Kroatiens. Die Fahrt war eigentlich unbeschreiblich, aber ich versuche trotzdem die wichtigsten Fakten zusammenzufassen.

Fakt 1: Die Waggons wurden noch in der DDR gebaut. Somit ist zum Komfort alles gesagt.

Fakt 2: Der Seifenspender auf der Zugtoilette funktionierte, Wasser lief jedoch keines. Blöd.

Fakt 3: Wir und unsere Fahrkarten wurden auf dem Weg wahrscheinlich öfter kontrolliert, als alle anderen Karten in unserem ganzen Leben zuvor.

Fakt 4: Laut „bahn.de“ sollte der Zug achtmal halten. Daraus wurde nichts. Menschen auf Schienen und Menschen an Bahnhöfen, an denen der Zug laut Plan überhaupt nicht hätte halten sollten, verhinderten dies.

Fakt 5: Europapokal ist einfach geil.

In Zagreb angekommen, stiegen wir prompt in einen Nachtzug der österreichischen Bundesbahn nach München. Vorbei war es mit den nennenswerten Kuriositäten, aber davon waren wir im bosnischen „Schnellzug“ schließlich auch überflutet worden.

Europapokal. Wahnsinn.

Von Kevin Schulte